Kurzportrait

Birgit wurde 1974 an einem nebligen Novembertag in Gießen geboren und wuchs in dem nahegelegen Fernwald-Steinbach auf. Schon als Kind hat sie sich gerne Geschichten ausgedacht und illustriert. Außer ihrer Familie, ihren Freunden, Lehrern und Schulkameraden hat sie aber niemand zu Gesicht bekommen. Damals hätte sie nicht gedacht, dass ihre Zeichnungen mal in einem Buch veröffentlicht werden würden. Bis es soweit war, hat es auch noch lange gedauert. Nach ihrer Schulzeit hat sie erst einmal Altorientalistik und Theologie in Tübingen, Berlin, Wien und München studiert. Heute arbeitet sie als Wissenschaftlerin und Hochschuldozentin in München und Marburg. Und seit November 2018 zeichnet sie wieder. Gemeinsam mit dem Text von Steven Lundström erzählen ihre Illustrationen die Geschichte der Pinguingang, die im November 2020 im Böhland & Schremmer Verlag unter dem Titel: "Die Pinguingang. Eine beinahe wahre Geschichte" (ISBN 978-3-943622-50-8) erschienen ist.

Ein Blick hinter die Kulissen

Nachdem Birgit lange Zeit kaum gezeichnet hat, geschah im Herbst des Jahres 2018 etwas Unvorhergesehenes: Sie übernahm den Auftrag eines Pinguinkükens namens Lotte und begann, die beinahe wahre Geschichte der Pinguin- bzw. Wasserfliegergang zu zeichnen. Und seitdem kann sie sich vor den Aufträgen der Gang nicht mehr retten: Jedes Küken achtet peinlich genau darauf, in der Zeichnungen nur ja nicht zu kurz kommen. Erkennbar wolle man sein und wirklich jedes Küken müsse ausreichend Beachtung finden. So achtet das eine darauf, dass seine ständig abstehenden drei Kopffedern gut erkennbar sind, während das andere auf den drei Schmuckfedern an seinen Bäckchen besteht. Ein anderes wiederum lässt sich gerne mit ausgebreiteten Flügeln darstellen. Und so weiter und so fort. Insgesamt ist die Gang mit der Ausführung des Auftrages recht zufrieden. Nur Lotte meint, dass Birgit sie öfter hätte zeichnen müssen ... Aber das kann man ja in den nächsten Bänden noch nachholen. Denn bis jetzt ist ja erst der erste Band der Geschichte erschienen.

Und das erzählt Birgit über sich selbst

"Geschichten können manchmal seltsame Wege nehmen. Ob man sie nun zeichnet oder schreibt oder beides tut. Schon als Kind habe ich gerne Geschichten gehört und erzählt. Bevor ich lesen und schreiben konnte, hat sie meine Oma für mich aufgeschrieben. Ich selbst habe dazu Bilder gemalt. Auch später, während meiner Schulzeit, habe ich gern das, was ich erlebt oder mir vorgestellt habe, auf Papier festgehalten. Dabei habe ich alles Mögliche ausprobiert: viele verschiedene Stifte, Pinsel und Farben. Am liebsten habe ich die Natur gezeichnet und gemalt: Berge, Flüsse und Seen, das Meer und den Himmel, Pflanzen und Tiere. Und immer habe ich dabei Neues entdeckt, das mir zuvor noch nie aufgefallen war. 
Auch die Erzählungen, die ich gehört oder gelesen habe, haben mich zum Zeichnen und Malen inspiriert. Besonders fasziniert war ich von Geschichten aus fernen Zeiten und Orten, die in fremden Sprachen und Schriften aufgezeichnet und auf Tontafeln, Papyrus, Schriftrollen und alten Büchern überliefert sind. 
In meinem Studium der Altorientalistik und Theologie in Tübingen, Berlin, Wien und München habe ich gelernt, Texte in verschiedenen heute nicht mehr gesprochenen Sprachen zu lesen. Dazu gehören zum Beispiel Hebräisch und Griechisch, Sumerisch und Akkadisch, Hethitisch, Luwisch, Lykisch und Urartäisch. 
Manche dieser Sprachen sind in Alphabetschrift überliefert, andere in Keil- oder Hieroglyphenschrift. Um die Texte zu verstehen, muss man also nicht nur die Sprachen, sondern auch die jeweilige Schrift lernen. Gerade bei der Keilschrift ist das gar nicht so einfach, weil sie aus viel mehr Zeichen als unser Alphabet besteht. Aber gerade das hat mich an ihr so fasziniert. Am besten lernt man die Schrift, wenn man die Zeichen selbst schreibt bzw. zeichnet. Oder wie die Menschen, die sie damals benutzt haben, mit einem Griffel in feuchten Ton drückt. Und wie die Bewohner des alten Mesopotamiens, Syriens oder der Türkei kann man natürlich mit dem Griffel auch Zeichnungen in den Ton ritzen. Allerdings fällt einem das deutlich schwerer als mit Stift und Papier. Probiert es doch einfach mal aus!
Andererseits ist der Ton, wenn er erst einmal getrocknet oder gebrannt ist, sehr viel beständiger als Papier. Und das ist auch der Grund dafür, dass uns so viele Texte überliefert sind, von denen manche im 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung und andere im 2. oder 1. Jahrtausend entstanden sind. Darunter sind übrigens auch Geschichten, die Ähnlichkeit mit Märchen und Abenteuergeschichten haben, die viel später entstanden sind. Was es aber nicht gibt, sind Geschichten, die von Pinguinen handeln. Denn dass es solche komischen Vögel gibt, wussten die Menschen, die die Texte geschrieben haben, noch nicht. Obwohl sie oft damit angegeben haben, dass sie alle Weltgegenden bereist haben.  
Neben Ton haben die damaligen Menschen übrigens auch andere Materialien wie Stein und Metall beschrieben. Vermutlich haben diejenigen, die die Texte angefertigt haben oder anfertigen ließen, nicht damit gerechnet, dass sich später einmal Forscher*innen aus aller Welt dafür interessieren.
Ich selbst habe viele Tage im Südwesten der Türkei verbracht und dort lykische Steininschriften studiert und kopiert. Mit Fotokopieren hat das aber nichts zu tun. Sondern mit intensivem Beobachten und Zeichnen. Und weil viele Inschriften stark verwittert oder aus anderen Gründen beschädigt sind, gleicht die Arbeit oft auch einem Rätselraten.
Wenn man es schafft, eine bislang unentdeckte oder stark verwitterte Inschrift zu entziffern, kann das sehr glücklich machen. Denn letztlich ist es so, als ob man dadurch mit den Menschen, die den Text verfasst haben, in Kontakt tritt und ihre Geschichte(n) erzählt und fortschreibt.
Letztlich unterscheidet sich meine Tätigkeit als Altorientalistin also gar nicht so sehr von dem, was ich schon als Kind gerne getan habe, und jetzt gemeinsam mit Steven beim Erzählen der Geschichte von der Pinguingang weitergeführe.
Dennoch sind die Abenteuer, die wir mit der Gang erleben, etwas ganz Neues und Aufregendes. Auch weil alles so überraschend kam. Seit Steven und ich die Geschichte der Gang erzählen, ist sie ein Teil von uns und wir ein Teil von ihr. In ihr spiegelt sich vieles wieder, was uns verbindet und trägt: angefangen von unserer ersten kurzen Begegnung in Gießen vor langer Zeit und unserem Wiedersehen in Berlin viele Jahre danach. Bis zum heutigen Tag.
Es ist schon so: Geschichten finden einen überall und zu jederzeit. Man muss nur zuhören, man muss nur hinsehen, man muss sie nur erfahren wollen. Mehr braucht es tatsächlich nicht.